Am Waldrand geboren, hörte ich im Frühling beim Erwachen als Erstes das Singen der Vögel. Das hat mich schon beim Aufstehen fröhlich gestimmt. Vögel schmettern das, was sie empfinden, und das ist ihre Lebenslust. Früher war man davon überzeugt, sie sängen Gott zu Ehren.
Schon zu Beginn der Menschheitsepoche auf dieser Erde waren die Vögel die ersten Gesangsmeister, Gesangslehrer der damals noch herumwanderden Stämme, die immer dahin ziehen mußten, wo es Futter für ihre Herden gab.
Früher hat man viel mit den Kindern gesungen, nachdem man ihr Einschlafen durch Wiegenlieder gefördert hat. Schon noch so kleine Babys lassen sich damit beruhigen.
Meine Mutter hat sich jeden Abend, nachdem wir zu Bett gebracht worden waren, ans Klavier gesetzt und uns die wunderschönen Kinderlieder, später Volkslieder vorgespielt. Das war für mich ein Stück Himmel auf Erden.
Alle großen Künstler haben daran geglaubt, daß wir eine ewige Heimat haben, aus der wir kommen, zu der wir zurückkehren sollen. Der Dichter Hermann Hesse schreibt, Musik sei die Erinnerung an das Paradies.
Wir brauchen also nicht wie alte Leute oder Kranke zu sterben, wenn wir Zugang zum Paradies finden wollen, sondern nur zu singen und zu musizieren. Was erwartet uns denn an diesem innerseelischen Ort? Ein wunderbares Gefühl. Das Gefühl von Glück!
Wenn man vor etwa hundert Jahren in häuslichen Spinnstuben zusammenkam, hat man sich nicht nur Geschichten erzählt, bevorzugt von Gespenstern, wie sie in dem Buch "Vom Caseler Pitt und der Hütten Marei" überliefert werden, sondern auch zusammen gesungen. Dazu bedurfte es keiner Begleitung von Instrumenten.
Ich habe es noch als Kind und Jugendliche erlebt, wie in den Weinbergen von den Frauen gesungen wurde. Es gibt auch heute noch Frauen im Ruwertal, die das deutsche Volkslied pflegen.
Eine Sternstunde meines Lebens war die heimatkundliche Wanderung durch das Ruwertal. Voriges Jahr, und zwar am 16. März 2005, hatte mich die Volkshochschule eingeladen, eine Wanderung von Kasel nach Eitelsbach anzuführen, bei dem auf dem Ruwertaler Wein- und Geschichtsweg gemeinsam gesungen wurde. Im Amtsblatt angekündigt war auch, daß ich Ruwertal-Poesie vortragen würde, was unterwegs und am Ziel geschah. Ich hatte die Gitarre mitgenommen, was da wie dort für Stimmung sorgte.
Eine Freundin hat mir das Buch "Geschichte der Musik" von Karl Stork besorgt, das 1904 in Stuttgart in der Muthschen Verlagshandlung herausgekommen ist. Es war für mich die Vorlage für einen Vortrag für diejenigen, die wissen wollen, wie die Entwicklung des deutschen Volksliedes im Laufe der Zeit vonstatten ging. Nachdem mir selbst beim Studieren dieses Werkes vieles klargeworden ist, wollte ich es auch anderen mitteilen. Ich kann jedenfalls von mir selber sagen, daß ich viel bewußter mit dem Volkslied umgehe, seit ich mich intensiv damit beschäftigt habe.
Der Musikprofessor Storck legt dar, daß zu der Zeit, etwa vor tausend Jahren, als der Mensch sich als Individuum entdeckte, nicht nur als Mitglied eines Stammes, mit dem Christentum die christliche Musik zu den nordischen Völkern kam. Sie habe die bis dahin schweren Zungen der rauhen Germanenkehlen gelöst und geschmeidig gemacht, worauf im kälteren Norden "die liebliche Blume des Volksliedes" erblühte. Aus o.a. Buch zitiere ich wörtlich:
"Was ein Einzelner empfand, was ihm das Herz drückte oder die Brust schwellte, von Liebe und Mai, von Kampfeslust und Jägerwonne, von herbem Scheideweh und banger Sehnsucht, von stolzem Heldentum und listiger Feindestücke flüsterte es durch Schottlands Nebelnächte, sang es in den Blumenfeldern der Provence, klang es durch deutschen Anger und deutschen Wald. Das Herz des Volkes war frei geworden und sang sein Leid und seine Freude."
Danach hielt das Volkslied Einzug in die Häuser der Bürger. Der Anlaß, dem ein Volkslied seine Entstehung verdankt, ist im allgemeinen nicht mehr herauszufinden. Es ist nicht sozusagen das Werk des Volkes, sondern das Werk einer einzelnen Persönlichkeit, der es gegeben war, die Stimmung des Volkes, dessen Erleben von Freude und Leid dichterisch treffsicher mit Worten zu gestalten, was von meist inzwischen berühmten Komponisten aufgegriffen und vertont wurde.
So wurde überliefert, daß das Volkslied Erhabenes und Edles, die Liebe zur Natur, das Scheiden und Wiedersehen, den Tanz unter der Linde, Treue und Verrat, Jubel und Klage enthielt, wie wir es heute noch in unseren Liederbüchern finden.