Auszug aus der Lesung der Schriftstellerin Ute Pesch am 31.3.2005 in Oberstaufen

Das zarte Märzsignal

Die Krokusblüten zittern
im Wind, die Bienen wittern
darin die reifen Pollen,
die so dort sammeln wollen.

Sie füllen ihre Taschen
wie kleine gelbe Flaschen,
wobei sie ganz verstummen,
um dann mit frohem Summen

den Frühling zu beschwören.
Könnt ihr wie ich es hören,
das zarte Märzsignal?
Es rührt sich überall!


Ute Pesch


Wie ich den Glauben an den Osterhasen verloren habe

Als ich noch im Vorschulalter war, begleitete ich gerne Gertrud, unsere fleißige und fromme Hilfe im Haushalt. So gingen wir oft zusammen ins Dorf, um Milch zu holen, in die Kirche, um Andachten beizuwohnen, oder zur Karlsmühle, wo es Eier zu kaufen gab. Dorthin ging auch meine Schwester, ein Jahr älter als ich, mit.

Eines Tages sagte Frau Geiben zu uns Kindern: "Kommt doch mal zum Spielen zu uns."

Sie hatte fünf Kinder, von denen die Agnes so alt wie meine Schwester und die Hilde so alt wie ich war.

Nach dieser Einladung trollten wir Schwestern oft den Wiesenweg ins Tal hinunter, vom Weingut Haus Timpert zur Karlsmühle, wo damals noch Korn gemahlen wurde, und zwar mit Hilfe des Mühlenrades, das vom Wasser der Ruwer angetrieben wurde.

Was das Anwesen und die Haushaltsführung betrifft, so kann man sich keinen größeren Kontrast vorstellen als den zwischen unserem Elternhaus und der Karlsmühle.

Meine Mutter, die aus einer Großstadt in Westfalen kam, war in einem städtischen Haushalt aufgewachsen und in Künsten wie Klavierspielen und Malen bewandert. Wie man einen Haushalt führt, hatte sie in einem Internat gelernt. Gertrud, unsere Hilfe im Haushalt, die in der gleichen Stadt wie meine Mutter großgeworden war, wurde ein Jahr lang von unserer Großmutter ausgebildet. Das übrige Personal arbeitete in unseren Weinbergen, im Kelterhaus oder im Keller.

Wie anders dagegen ging es in der Karlsmühle zu. Dort brüllten Kühe im Stall, quietschte es aus den Schweinekoben, gab es Pferde, liefen auf den Wegen, im Garten und an den Hängen Hühner herum, gab es Enten und Gänse am Bach.

In der großen Küche wurde Brot gebacken und Marmelade von eigenen Früchten gekocht. Frau Geiben ließ es sich nicht nehmen, uns ihre Kinder an den großen Holztisch zu setzen, wo es uns besonders gut schmeckte.

Vor Ostern suchten wir an den Wiesenhängen nach den ersten Vergißmeinnicht und Sumpfdotterblumen. Einmal, wir waren noch nicht in der Schule, kamen wir auf die Idee, den riesengroßen Speicher der Karlsmühle zu durchstöbern. Und was fanden wir da? Es muss an einem Karsamstag gewesen sein. Wir entdeckten einen großen Korb, der mit bemalten Eiern gefüllt war. Wir verschwiegen es den Erwachsenen. Aber auf dem Heimweg überlegten meine Schwester und ich:

"Die Eier hat doch kein Hase angemalt!", sagte die eine.

"Das müssen Erwachsene gewesen sein!", antwortete die andere.

"Die machen das, wenn die Kinder schon im Bett liegen", überlegte Loni, meine Schwester.

"Am Tag vor Ostern", meinte Ute, das war ich.

"Die Farben und die Pinsel, die man dazu braucht, werden im Geschäft gekauft", waren wir uns einig. "Und noch bevor die Kinder aufgestanden sind, werden die bunten Eier draußen versteckt."

Als wir beiden Schwestern oben auf dem Berg auf Haus Timpert ankamen, waren wir zu der Schlussfolgerung gekommen, dass es gar keinen Osterhasen gibt. Wir waren reif für diese Erkenntnis, weil wir sie uns selbst erarbeitet hatten.

Hasen als Hieroglyphen

Jahrzehnte später bin ich dem Hasen wieder begegnet, und zwar als Gasthörerin beim Studium der Ägyptologie an der Universität Trier beim Lernen der Hieroglyphen.

Was sind denn diese Zeichen?

Sie sind bereits fünftausend Jahre alt und als das zu betrachten, was wir Alphabet nennen. An dieser Stelle möchte ich nur den Hasen herausgreifen.

Der steht für die Buchstaben UN, die man mit "da sein", mit "existieren" übersetzt.

Der Hase war für die Alten Ägypter das Symbol des Lebens und der Unsterblichkeit, weil die Hasen sich so fleißig vermehren.

Darüber hinaus war der Hase das Symbol des Gottes Osiris, dessen Name häufig mit UN = Hase, dazu Nefer = gut und schön, auch vollkommen, in die Steine der Tempel geritzt wurde.

Die Alten Ägypter brachten das menschliche Leben auch deshalb mit dem Hasen in Verbindung, weil sie hofften, in Anlehnung an dessen lange Ohren lange hören, also lange leben zu können. Und weil sie hofften, nach einem gerechten und langen Leben im Tode wie der Gott Osiris zu den Sternen aufzuerstehen und ewig weiterzuleben.

So habe ich es dem Buch "Sag's mit Hieroglyphen" entnommen, geschrieben von Christian Jacq, einem berühmten französischen Archäologen und Verfasser vieler anderer Bücher.

Doch wie sind die Ostereier bei alten und neuen Kulturen ins Nest gekommen?

Von jeher gab es Steuereinnehmer, die im Frühjahr neben Geld Naturalien einsammelten. Vor denen hat man die Eier im Stroh versteckt.


Utel Pesch

Der ewig große Gottessieg

Die Meisen rufen: "Zizidä!",
die Sonne wärmt den fahlen Hang,
man spürt den Frühling in der Näh
wie leisen, leisen Glockenklang.

Das goldne Abendlicht gewinnt
der Nacht noch eine Stunde ab,
das menschliche Gemüt besinnt
sich auf das leere Ostergrab,

das Jesus hinterlassen hat,
als er der tiefen Nacht entstieg.
Nun feiern Weiler, Dorf und Stadt
den ewig großen Gottessieg.


Ute Pesch